Was Erwachsene tun, ohne es zu merken
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Die meisten Eingriffe sind gut gemeint. Eben deshalb fallen sie kaum auf — auch dann nicht, wenn sie den Mechanismus, um den es eigentlich geht, gerade aushebeln. Vier Muster sehe ich bei mir selbst und bei anderen.
Vorschnelles Helfen
Mein Sohn hängt am Schuhe binden. Drei Minuten, fünf Minuten, der Knoten will nicht. Ich spüre, wie meine Geduld weicht — und greife nach den Schnürsenkeln. Er lässt es sich gefallen. Mit jedem Mal, das ich es ihm abnehme, wird die Erwartung „das schaff ich nicht" stabiler. Das ist nicht böse Absicht, das ist Eltern-Müdigkeit. Aber es ist der Punkt, an dem die Wirksamkeitserfahrung verlorengeht.
Eine Mutter im Forum klugekinder.at beschreibt ihr Kind so: „Sie fordert ständig irgendetwas ein, schleicht die ganze Zeit um mich herum, stellt Fragen, kommt mit Dingen an, bei denen sie unbedingt eine Anleitung braucht." Das ist die andere Seite desselben Musters. Wenn ich als Erwachsener zur Standardlösung werde, baut das Kind seine eigene Standardlösung gar nicht erst auf.
Pauschallob
„Toll gebaut!" beim ersten Klotz hilft nicht. Das Kind weiß, dass beim ersten Klotz noch nichts gebaut ist. Lob, das den Prozess benennt — wie lange das Kind drangeblieben ist, was es probiert hat, was es geändert hat — wirkt anders als Lob, das eine feste Eigenschaft betont. Bandura beschreibt das schon in seiner späteren Arbeit: Selbstwirksamkeit wächst nicht aus dem Etikett, das Erwachsene aufkleben, sondern aus den Rückmeldungen, die das eigene Tun sichtbar machen.
Quelle: Bandura, A. (1997). Self-efficacy: The exercise of control. W. H. Freeman & Co.
Bewertung statt Beobachtung
Was während des Spiels von außen kommentiert wird — auch nett kommentiert — verschiebt die Aufmerksamkeit des Kindes nach außen. Es spielt nicht mehr für sich, sondern für mich. Forschende nennen dieses Muster „hijacking play": Wenn die pädagogische Absicht im Vordergrund steht, verliert das Kind die Steuerung — und damit den Boden, auf dem Selbstwirksamkeit überhaupt entstehen kann. Die Korrektur ist unbequem: weniger Reden, mehr Sehen.
Quelle: Pyle, A., & Danniels, E. (2017). A continuum of play-based learning: The role of the teacher in play-based pedagogy and the fear of hijacking play. Early Education and Development, 28(3), 274–289.
Was stattdessen trägt
Eine Verhaltensbeobachtung in einer Pikler-Krippe hat dafür eine Sprache: drei Stufen der Begleitung. Reine Anwesenheit als Standard — das Kind weiß, jemand ist da. Indirekte Hilfe, wenn ein Material gebraucht wird, ohne dass die Initiative gestört wird. Direkte Hilfe nur dort, wo das Kind sie braucht und einfordert. Klingt selbstverständlich. Ist es im Alltag nicht.
Quelle: Sagastui, J., Herrán, E., & Anguera, M. T. (2020). A systematic observation of early childhood educators accompanying young children's free play at Emmi Pikler Nursery School. Frontiers in Psychology, 11, 1731.