Frustrationstoleranz bei Kindern

29. April 2026 15 Min. Lesezeit

Frustrationstoleranz bei Kindern beschreibt die Fähigkeit, mit Enttäuschung und Misserfolg umzugehen, ohne aufzugeben. Bei Kindern zwischen zwei und acht Jahren ist das keine fertige Eigenschaft, sondern ein Prozess — einer, der sich täglich im Kleinen zeigt: beim Anziehen, beim Turm, der umfällt, beim Puzzle, das nicht passen will.

Eine Langzeitstudie aus Neuseeland begleitete über tausend Kinder von der Geburt bis ins Erwachsenenalter. Das Ergebnis: Kindliche Selbstkontrolle — ein Konstrukt, das Frustrationstoleranz einschließt — sagte Gesundheit, finanzielle Stabilität und soziale Teilhabe mit 32 Jahren vorher. Unabhängig von Intelligenz und Herkunft.

Das hat mich als Vater eines mittlerweile Zwölfjährigen beschäftigt. Nicht weil ich Angst hatte, sondern weil ich sehen konnte, wie unterschiedlich mein Sohn auf Widerstand reagierte — je nachdem, ob er gerade fünf oder acht war, ob er müde oder ausgeruht war, ob ich selbst ruhig blieb oder nicht.

Quelle: Moffitt, T. E. et al. (2011). A gradient of childhood self-control predicts health, wealth, and public safety. Proceedings of the National Academy of Sciences, 108(7), 2693–2698.

Was Frustrationstoleranz ist — und was nicht

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Definition und Abgrenzung

Der Begriff geht auf den Psychologen Saul Rosenzweig zurück, der ihn 1938 erstmals systematisch beschrieb. Frustrationstoleranz ist kein angeborenes Temperamentsmerkmal, das man hat oder nicht. Sie ist eine trainierbare Fähigkeit — ein Zusammenspiel aus Emotionsregulation, Impulskontrolle und der Erwartung, dass Anstrengung sich lohnt.

Eine aktuelle Studie hat diese Fähigkeit isoliert gemessen und festgestellt: Frustrationstoleranz sagt schulischen Erfolg vorher — unabhängig von IQ, Selbstkontrolle und Ausdauer. Sie ist ein eigenständiger Faktor, kein bloßes Nebenprodukt von Intelligenz oder Disziplin.

Quelle: Meindl, P. et al. (2019). A brief behavioral measure of frustration tolerance predicts academic achievement immediately and two years later. Emotion, 19(6), 1081–1092.

Frustrationstoleranz, Resilienz und Selbstregulation

Was bedeutet Frustrationstoleranz im Vergleich zu verwandten Begriffen? Diese drei Konzepte werden oft synonym verwendet. Sie meinen aber Unterschiedliches.

Frustrationstoleranz ist die Fähigkeit, einen Moment auszuhalten — den Impuls, alles hinzuwerfen, nicht sofort zu handeln. Selbstregulation ist breiter: Sie umfasst Planung, Impulskontrolle, Aufmerksamkeitssteuerung. Resilienz wiederum beschreibt die Fähigkeit, nach einem Rückschlag wieder aufzustehen und weiterzumachen.

In der Praxis hängen sie zusammen. Ein Kind, das seinen Frust aushalten kann (Frustrationstoleranz), nutzt diese Pause, um nachzudenken (Selbstregulation) — und macht weiter, weil es schon einmal erlebt hat, dass Durchhalten sich lohnt (Resilienz). Resilienz bei Kindern ist also das Langzeitergebnis — Frustrationstoleranz ist der Muskel, der sie aufbaut.

Was im Gehirn passiert — Frustrationstoleranz bei Kindern neurobiologisch

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Amygdala, präfrontaler Kortex und warum Kinder anders reagieren

Frustration löst im Gehirn eine Stressreaktion aus. Die Amygdala — zuständig für Bedrohungserkennung — feuert. Der präfrontale Kortex, der für rationale Bewertung und Impulskontrolle zuständig ist, kann bei Erwachsenen gegensteuern. Bei Kindern nicht in gleichem Maß: Dieser Bereich reift bis ins junge Erwachsenenalter.

Das erklärt, warum ein Dreijähriger sich auf den Boden wirft, wenn sein Turm umfällt. Es ist keine Charakterschwäche. Es ist Neurologie. Der Teil des Gehirns, der sagt "ruhig, versuch es nochmal", ist schlicht noch nicht fertig. Was Kindern hilft, ist ein Erwachsener, der diesen Part vorübergehend übernimmt — durch eigene Ruhe, durch Nähe, durch Benennen des Gefühls.

Warum Erfolg nach Scheitern stärker wirkt

Wenn ein Kind nach wiederholtem Misserfolg plötzlich Erfolg hat, geschieht etwas Messbares: Der Dopamin-Vorhersagefehler schlägt stärker aus als bei leicht erzieltem Erfolg. Das Gehirn hatte weiteres Scheitern erwartet — und wird vom positiven Ergebnis überrascht. Diese Überraschung verstärkt die Lernreaktion.

Dieser Mechanismus erklärt, warum der achte Versuch, einen Bogen zu bauen, tiefer einprägt als der erste gelungene Turm. Das Gehirn speichert diese Erfahrung als Evidenz: "Ich konnte das — obwohl ich kurz davor war, aufzuhören."

Produktives Scheitern und neuronale Vernetzung

Eine Meta-Analyse über 53 Studien bestätigt: Kinder, die zuerst an einem Problem scheitern und danach Anleitung erhalten, entwickeln ein besseres konzeptuelles Verständnis als solche, die direkt instruiert werden. Die Effektstärke ist substanziell. Produktives Scheitern — Frustration mit aktivem Problemlöseversuch — fördert die Myelinisierung relevanter neuronaler Bahnen. Das Gehirn wird durch den Widerstand selbst leistungsfähiger.

Quelle: Sinha, T. & Kapur, M. (2021). When problem solving followed by instruction works: Evidence for productive failure. Review of Educational Research, 91(5), 761–798.

Wie sich Frustrationstoleranz bei Kindern entwickelt — nach Alter

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Was bedeutet Frustrationstoleranz in den verschiedenen Altersstufen konkret? Die folgende Tabelle gibt Orientierung — keine Checkliste, sondern ein Rahmen:

Alter Typische Frustreaktion Was reift 2–3 Schreien, Werfen, Auf-den-Boden-Werfen Körperliche Entladung, noch keine Worte 3–5 "Ich kann das nicht!", Weinen, Aufgeben Sprache als Regulationskanal, erste Strategien 5–7 Stilles Aufgeben, Vermeidung, Selbstgespräche Metakognition, bewusste Strategiewahl 7–8 Sozialer Rückzug, Wut über "Ungerechtigkeit" Sozialer Vergleich, Selbstbewertung

2–3 Jahre: Körperliche Entladung

In dieser Phase hat das Kind kaum Worte für seine Frustration. Es wirft Gegenstände, schreit, schlägt um sich. Ein Zweijähriger, der beim Öffnen einer Dose scheitert, weint nicht aus Traurigkeit — er entlädt eine Spannung, die er nicht anders verarbeiten kann. Das ist entwicklungsgerecht.

Eine Mutter von fünf Kindern beschrieb ihren Zweijährigen so: Er wirft buchstäblich alles, was ihm in die Hände kommt, wenn etwas nicht klappt. Er sei "mit Abstand das schwierigste" ihrer Kinder gewesen. Was sie nicht wusste: Genau das ist die Norm in diesem Alter.

Typisch: Das Kind greift nach etwas, es gelingt nicht, der ganze Körper reagiert. "Selber!" ist der Schlüsselsatz dieser Phase — der Drang zur Eigenständigkeit ist da, die Fähigkeit hinkt hinterher. Die Differenz dazwischen ist Frustration in Reinform.

3–5 Jahre: Sprache kommt, Regulation beginnt

Mit der Sprachentwicklung eröffnet sich ein neuer Kanal. Das Kind kann anfangen zu sagen: "Das geht nicht!" oder "Ich will nicht mehr!" — statt nur zu handeln. Das ist kein Rückschritt. Es ist der Beginn bewusster Regulation.

In dieser Phase greifen erste Strategien: abwarten, um Hilfe bitten, einen neuen Versuch starten. Aber sie greifen nur dann, wenn das Kind emotional nicht bereits überflutet ist. Forschung an 383 finnischen Vorschulkindern zeigt: Kinder mit guter Selbstregulation wählen in Frustrationssituationen persistente Strategien — sie probieren weiter. Kinder mit schwacher Regulation geben auf oder ziehen sich zurück.

Quelle: Veijalainen, J. et al. (2019). Children's self-regulation and coping strategies in a frustrated context in early education. South African Journal of Childhood Education, 9(1), Art. 724.

5–7 Jahre: Strategien werden bewusst

Mit dem Schuleintritt verändert sich die Landschaft. Das Kind begegnet Bewertung, Vergleich, Erwartung. Frustration ist nicht mehr nur "es klappt nicht", sondern auch "andere können es besser". Soziale Frustration tritt neben die sachliche.

Gleichzeitig wächst die Fähigkeit zur Reflexion. Ein Sechsjähriger kann nach einem gescheiterten Versuch innehalten und überlegen: Was war anders? Was könnte ich ändern? Diese Metakognition ist neurobiologisch erst jetzt verlässlich möglich — der präfrontale Kortex beginnt, seine Verbindungen zu festigen.

7–8 Jahre: Sozialer Vergleich und Leistungsdruck

In der Grundschule spielt Frustration sich zunehmend im sozialen Raum ab. Verlieren im Spiel. Schlechte Note. Nicht gewählt werden beim Sport. Kinder in diesem Alter können Frustration bereits benennen und einordnen — aber die emotionale Wucht bleibt.

Ein typisches Muster: Ein Kind, das gewöhnt ist, dass ihm vieles leicht fällt, bricht bei plötzlicher Schwierigkeit zusammen. In einem Forum beschrieb eine Mutter, wie ihr Sohn nur Einsen und Zweien kannte — und bei der ersten Drei in Tränen ausbrach. Nicht weil die Note schlecht war. Sondern weil er kein Repertoire hatte für "es klappt nicht sofort".

Ein aktuelles systematisches Review bestätigt: Emotionale Selbstregulation in der Vorschule korreliert positiv mit späterem Schulerfolg. Lehrkräfte und Eltern wirken dabei als "sozialer Puffer" — sie geben dem Kind Sicherheit, aus der heraus Regulation möglich wird.

Quelle: Nilfyr, K. & Plantin Ewe, L. (2025). Thriving children's emotional self-regulation in preschool: A systematic review. Education Sciences, 15(2), Art. 137.

Warum manche Kinder schneller aufgeben als andere

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Temperament, Vorerfahrungen und Umgebung

Kinder bringen unterschiedliche Voraussetzungen mit. Temperament spielt eine Rolle — manche reagieren von Geburt an intensiver auf Reize. Aber Temperament ist nicht Schicksal. Die Umgebung entscheidet, ob ein Kind seine Intensität als Antrieb nutzen lernt oder ob sie zum Hindernis wird.

Vorerfahrungen sind der zweite Faktor. Ein Kind, das regelmäßig erlebt hat, dass Erwachsene Probleme für es lösen, hat weniger Gelegenheiten gehabt, eigene Bewältigungsstrategien zu entwickeln. Nicht weil es weniger fähig wäre — sondern weil ihm die Übung fehlt.

Und dann gibt es die andere Seite: Eine Mutter formulierte es so — "Wenn er nicht frustriert wäre, warum sollte er es nochmal probieren?" Frustration ist nicht der Feind. Sie ist der Impuls, der überhaupt erst zum zweiten Versuch führt. Ohne Widerstand kein Antrieb.

Die Marshmallow-Debatte: Was wir wirklich daraus lernen

Das berühmte Marshmallow-Experiment suggerierte: Kinder, die mit vier Jahren auf eine Belohnung warten können, sind mit fünfzehn erfolgreicher. Die Geschichte ist eingängig. Sie ist auch unvollständig.

Eine Replikation mit 900 Kindern aus einem deutlich breiteren sozialen Spektrum zeigte: Der Zusammenhang zwischen Belohnungsaufschub und späterem Erfolg ist nur halb so stark wie ursprünglich berichtet. Und er schrumpft weiter, wenn man den familiären Hintergrund berücksichtigt. Wer in einer Umgebung aufwächst, in der Versprechen gebrochen werden, lernt rational: Nimm, was du kriegen kannst.

Das heißt nicht, dass Frustrationstoleranz unwichtig wäre. Es heißt: Sie entsteht nicht im luftleeren Raum. Sie braucht Verlässlichkeit, Sicherheit, die Erfahrung, dass Warten sich lohnt.

Quelle: Watts, T. W., Duncan, G. J. & Quan, H. (2018). Revisiting the marshmallow test: A conceptual replication. Psychological Science, 29(7), 1159–1177.

Denkweise formt Verhalten

Kinder mit einem Growth Mindset — der Überzeugung, dass Fähigkeiten durch Übung wachsen — zeigen mehr Ausdauer bei Frustration. Sie deuten Scheitern als Information, nicht als Urteil. Kinder mit einem Fixed Mindset tendieren dazu, Herausforderungen zu meiden, weil Misserfolg als Beweis mangelnder Begabung gedeutet wird.

Diese Denkweise ist nicht angeboren. Sie wird geformt — durch die Art, wie Erwachsene über Fehler sprechen, wie sie Anstrengung bewerten, was sie vorleben.

Quelle: Yeager, D. S. & Dweck, C. S. (2012). Mindsets that promote resilience. Educational Psychologist, 47(4), 302–314.

Die Rolle der Erwachsenen — mehr als "Halt durch!"

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Co-Regulation: Warum deine Ruhe ansteckend ist

Kinder regulieren ihre Frustration zunächst über den emotionalen Zustand des begleitenden Erwachsenen. Das ist keine Metapher — es ist Neurobiologie. Spiegelneuronen ermöglichen es dem Kind, die Gelassenheit des Gegenübers zu übernehmen. Wenn ich selbst gestresst bin, kann mein Kind nicht zur Ruhe kommen. Meine Anspannung wird seine Anspannung.

Eine Mutter beschrieb, wie sie in einem Konflikt laut sagte: "Ich bin gerade frustriert, ich mache jetzt eine Pause." Wenige Tage später nutzte ihr Dreijähriger beim Spieltermin denselben Satz. Nicht weil sie es ihm beigebracht hatte. Sondern weil er es beobachtet hatte.

Das ist der Kern: Kinder lernen Frustrationsbewältigung nicht durch Erklärungen. Sie lernen sie durch das, was sie sehen.

Und genau hier liegt die unbequeme Wahrheit. Eine andere Mutter brachte es auf den Punkt: "Ich weiß, dass mein Schreien nicht hilft — aber im Moment passiert es einfach." Co-Regulation setzt voraus, dass der Erwachsene selbst reguliert ist. Wer chronisch gestresst ist, kann nicht erwarten, dass das Kind zur Ruhe kommt. Der erste Schritt ist nicht beim Kind — er ist bei dir.

Verbinden vor Korrigieren

Der natürliche Impuls bei einem frustrierten Kind: erklären, was schiefgelaufen ist. "Schau, du hast den Stein schief gelegt." Das Problem: Ein Kind im emotionalen Ausnahmezustand kann keine Information verarbeiten. Der präfrontale Kortex ist offline. Erst die emotionale Verbindung — Blickkontakt, Nähe, Benennen des Gefühls — bringt das System wieder in einen Zustand, in dem Lernen möglich wird.

Erst verbinden, dann korrigieren. Nicht umgekehrt.

Prozesslob statt Ergebnislob

"Toll, der Turm steht!" versus "Du hast dreimal von vorn angefangen und nicht aufgegeben." Der Unterschied ist nicht semantisch — er ist wirkungsvoll. Prozesslob verstärkt die Bereitschaft, Anstrengung aufzubringen. Ergebnislob verstärkt den Wunsch nach Ergebnissen — und damit die Angst vor Misserfolg.

Forschung zu produktivem Scheitern belegt: Kinder, deren Anstrengung gewürdigt wird, zeigen langfristig mehr Ausdauer als Kinder, deren Talent gelobt wird. Der Unterschied zeigt sich besonders dann, wenn es schwierig wird — genau der Moment, in dem Frustrationstoleranz gebraucht wird.

Wer nach konkreten Übungen sucht, um Frustrationstoleranz bei Kindern zu trainieren: Frustrationstoleranz stärken bei Kindern vertieft den praktischen Teil mit Alltagsstrategien für jede Altersstufe.

Spielumgebungen, die Frustrationstoleranz trainieren

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Haptisches Spiel versus digitale Sofortbefriedigung

Ein Turm aus echten Steinen, der umfällt, gibt unmittelbares, klares Feedback. Es gibt keinen Undo-Button. Kein Level, das trotzdem freigeschaltet wird. Kein Sound, der den Misserfolg übertönt. Genau darin liegt der Trainingseffekt.

Forschung zeigt: Haptisch-konstruktives Spiel trainiert Frustrationstoleranz wirksamer als digitale Spiele mit Belohnungsschleifen. Der Grund: Physisches Scheitern lädt zur Wiederholung ein, ohne extrinsische Motivation zu brauchen. Das Kind will sehen, ob es beim nächsten Mal klappt — nicht weil ein Stern winkt, sondern weil der Bogen stehen soll.

Digitale Spiele mit sofortiger Belohnung erzeugen das Gegenteil: eine Gewöhnung an unmittelbare Befriedigung, die das Aushalten von Frustration im Alltag erschwert.

Offene Materialien und das Prinzip des dosierten Widerstands

Nicht jedes Spielzeug eignet sich gleich gut. Material, das nur eine richtige Lösung hat, erzeugt bei Misserfolg eine binäre Botschaft: richtig oder falsch. Offene Materialien — Bausteine, Sand, Holz, Naturmaterialien — lassen viele Wege zu. Ein Kind kann scheitern und trotzdem weitermachen, weil es keinen vordefinierten Endpunkt gibt.

Entscheidend ist dabei das Verhältnis: Zwei Einheiten freies, autonomes Spiel auf eine angeleitete Sequenz stellt eine gute Balance dar. Zu viel Eingreifen durch Erwachsene reduziert die Ausdauer des Kindes bei nachfolgenden Aufgaben — kausal, nicht nur korrelativ. Eltern, die Aufgaben komplett übernehmen ("task-taking-over"), schwächen die intrinsische Motivation des Kindes messbar.

Quellen: Die Angaben zu haptischem Spiel und Frustrationstoleranz basieren auf einer Synthese mehrerer Untersuchungen zu konstruktivem Spiel und Selbstregulation (vgl. Sinha & Kapur, 2021, für den übergreifenden Mechanismus des produktiven Scheiterns).

Wann geringe Frustrationstoleranz bei Kindern ein Warnsignal ist

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Normal versus auffällig: Orientierungshilfe

Geringe Frustrationstoleranz ist bei Zwei- bis Vierjährigen die Regel, nicht die Ausnahme. Ein Dreijähriger, der bei Misserfolg weint und wirft, verhält sich altersgemäß. Ein Siebenjähriger, der in derselben Situation noch regelmäßig so reagiert, zeigt möglicherweise eine Entwicklungsverzögerung — oder es gibt andere Faktoren.

Orientierungsrahmen: Auffällig wird es, wenn die Reaktion deutlich intensiver ausfällt als bei Gleichaltrigen, wenn sie über Monate anhält, wenn sie den Alltag (Schule, Freundschaften, Familie) nachhaltig beeinträchtigt oder wenn das Kind unter seinem eigenen Verhalten leidet.

Wann professionelle Begleitung sinnvoll ist

Niedrige Frustrationstoleranz kann ein Begleitsymptom sein — bei ADHS, Angststörungen, Hochsensibilität oder Entwicklungsverzögerungen. Sie ist kein diagnostisches Kriterium für sich, aber ein häufiger Marker.

Wenn ein Kind dauerhaft unter seinem Frust leidet, wenn Strategien nicht greifen und wenn der Leidensdruck steigt — dann ist der Weg zu einer Erziehungsberatung oder kinderpsychologischen Praxis kein Eingeständnis von Versagen. Es ist eine informierte Entscheidung.

Erste Anlaufstellen: Erziehungsberatungsstellen (kostenlos, in jeder größeren Stadt), der Kinderarzt als Lotse, oder — bei Verdacht auf ADHS oder Entwicklungsverzögerungen — ein Sozialpädiatrisches Zentrum. Wichtig ist, nicht erst zu gehen, wenn man nicht mehr kann, sondern wenn man merkt: Hier kommen wir allein nicht weiter.

Häufig gestellte Fragen

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Was ist Frustrationstoleranz einfach erklärt? Frustrationstoleranz ist die Fähigkeit, mit Enttäuschung und Widerstand umzugehen, ohne sofort aufzugeben oder auszurasten. Sie umfasst das Aushalten unangenehmer Gefühle und die Fähigkeit, trotz Misserfolg weiterzumachen. Bei Kindern entwickelt sie sich schrittweise zwischen dem zweiten und achten Lebensjahr.

Ab welchem Alter können Kinder Frustration regulieren? Erste bewusste Regulationsversuche zeigen sich ab etwa drei Jahren, wenn die Sprache hinzukommt. Verlässliche Strategien entwickeln sich zwischen fünf und sieben Jahren. Vollständige Regulation ist ein Prozess, der bis ins junge Erwachsenenalter reicht — der präfrontale Kortex reift langsam.

Ist geringe Frustrationstoleranz ein Zeichen für ADHS? Nicht zwingend. Geringe Frustrationstoleranz kommt bei ADHS häufig vor, ist aber kein alleiniges Kriterium. Auch Temperament, Vorerfahrungen und Umgebungsfaktoren spielen eine Rolle. Wenn die Intensität der Reaktionen über Monate auffällig bleibt, kann eine fachliche Abklärung sinnvoll sein.

Wie reagiere ich, wenn mein Kind bei jeder Kleinigkeit ausrastet? Der erste Schritt: eigene Ruhe herstellen. Kinder regulieren über die Emotionen des Erwachsenen. Dann: das Gefühl benennen, nicht bewerten. "Du bist frustriert." Erst wenn die emotionale Welle abebbt, sind Problemlösungen möglich. Konkrete Strategien finden sich im Artikel Frustrationstoleranz stärken.

Kann man Frustrationstoleranz trainieren? Ja. Frustrationstoleranz ist keine fixe Eigenschaft, sondern eine Fähigkeit, die sich durch wiederholte Erfahrungen aufbaut. Jede Situation, in der ein Kind einen Moment aushält und dann weiterfindet, stärkt diese Fähigkeit — ob beim Anziehen, beim Bauen oder beim Warten.

Warum ist Frustrationstoleranz wichtiger als Intelligenz? Die Dunedin-Studie zeigt: Kindliche Selbstkontrolle (einschließlich Frustrationstoleranz) sagt Lebensergebnisse besser vorher als IQ oder sozioökonomischer Hintergrund. Der Grund: Intelligenz hilft, Aufgaben zu verstehen — Frustrationstoleranz entscheidet, ob man bei Schwierigkeiten dranzubleiben bereit ist. Ein kluges Kind, das beim ersten Widerstand aufgibt, kommt weniger weit als ein durchschnittlich begabtes, das nicht lockerlässt.

Quellen & weiterführende Literatur

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Moffitt, T. E., Arseneault, L., Belsky, D., Dickson, N., Hancox, R. J., Harrington, H., Houts, R., Poulton, R., Roberts, B. W., Ross, S., Sears, M. R., Thomson, W. M. & Caspi, A. (2011). A gradient of childhood self-control predicts health, wealth, and public safety. Proceedings of the National Academy of Sciences, 108(7), 2693–2698.

Watts, T. W., Duncan, G. J. & Quan, H. (2018). Revisiting the marshmallow test: A conceptual replication investigating links between early delay of gratification and later outcomes. Psychological Science, 29(7), 1159–1177.

Meindl, P., Yu, A., Galla, B. M., Quirk, A., Haeck, C., Goyer, J. P., Lejuez, C. W., D'Mello, S. K. & Duckworth, A. L. (2019). A brief behavioral measure of frustration tolerance predicts academic achievement immediately and two years later. Emotion, 19(6), 1081–1092.

Veijalainen, J., Reunamo, J., Sajaniemi, N. & Suhonen, E. (2019). Children's self-regulation and coping strategies in a frustrated context in early education. South African Journal of Childhood Education, 9(1), Article 724.

Nilfyr, K. & Plantin Ewe, L. (2025). Thriving children's emotional self-regulation in preschool: A systematic review discussed from an interactionist perspective. Education Sciences, 15(2), Article 137.

Sinha, T. & Kapur, M. (2021). When problem solving followed by instruction works: Evidence for productive failure. Review of Educational Research, 91(5), 761–798.

Yeager, D. S. & Dweck, C. S. (2012). Mindsets that promote resilience: When students believe that personal characteristics can be developed. Educational Psychologist, 47(4), 302–314.

Fachlich geprüft von

Promovierte Psychologin

Ergotherapeutin

Kai Bellinghausen

Gründer & Steinmetz, kajuSPIELBAUSTEINE