Naturhartgips — warum ich mich für ein schweres, mineralisches Material entschieden habe
↑ Zum Inhaltsverzeichnis
Als ich angefangen habe, Bausteine zu entwickeln, wollte ich weder Holz nachmachen noch billiger als Plastik sein. Ich wollte ein Material, das eine Erfahrung möglich macht, die mir bei beiden fehlte: das körperliche Spüren, wie ein Bauwerk hält. Geworden ist es Naturhartgips.
Was Hartgips ist
Der Gips, aus dem meine Steine bestehen, ist ein Nebenprodukt der Lebensmittelindustrie, ein Material, das sonst übrig bliebe. Ich gieße es in Formen, härte es aus, schleife jeden Stein von Hand und versiegle ihn mit Safloröl und Carnaubawachs. Heraus kommt eine Oberfläche, die matt und mineralisch ist, kühl in der Hand, mit spürbarem Gewicht. Kein Plastikglanz, kein hohles Gefühl. Wer schon einmal einen Stein vom Strand in der Hand gewogen hat, kennt diese Art von Materialehrlichkeit.
Warum das Gewicht der Punkt ist
Gewicht ist bei meinen Steinen kein Nebeneffekt, sondern Absicht. Ein schwerer Stein lässt sich nicht achtlos hinwerfen, er will gelegt werden. Das verlangsamt das Bauen und macht es bewusster. Ergotherapeut:innen sprechen von schwerer Arbeit und meinen damit Tätigkeiten, bei denen Muskeln und Gelenke gegen einen Widerstand arbeiten; solche Tätigkeiten gelten als ordnend und beruhigend für das Nervensystem. Man muss das nicht klinisch nennen, um es zu sehen: Ein Kind, das einen schweren Stein vorsichtig ansetzt, wird ruhiger und genauer, fast von selbst. Warum schweres Material der Konzentration entgegenkommt, vertiefe ich im Beitrag zu Spielzeug mit Gewicht.
Warum Bögen ohne Klick halten
Der Kern meines Systems ist der Bogen, und damit meine ich den architektonischen Bogen, nicht Pfeil und Bogen. Ein Bogen aus Hartgips-Segmenten hält nicht, weil etwas einrastet, sondern weil Lage, Reibung und Druck zusammenpassen. Der Schlussstein schließt den Bogen, die Auflager fangen den seitlichen Schub ab, und erst wenn alles stimmt, steht das Bauwerk. Das ist anstrengender als Klicken und genau deshalb lehrreicher: Das Kind erlebt Statik mit den Händen statt sie vorgegeben zu bekommen. Wie das physikalisch funktioniert, beschreibe ich genauer darin, warum ein Bogen erst hält, wenn alle Steine zusammenspielen.
Eine ehrliche Einschränkung gehört dazu: Hartgips ist kein Wundermaterial. Bei einem groben Sturz kann eine Kante abplatzen, und mit der Zeit bekommen die Steine Spielspuren. Ich rahme das nicht schön, sondern sehe es als das, was es ist: Spuren echten Bauens an einem echten Material. Unzerstörbar ist kein Spielzeug, und ich behaupte es auch nicht. Dafür sind die Steine feucht abwischbar und bei 60 Grad sterilisierbar, was sie für Kitas brauchbar macht.
Hygiene und der Kita-Alltag
Ein Punkt, der bei Vergleichen oft fehlt, ist die Hygiene, und er trennt die drei Materialien deutlich. Holz lässt sich abwischen, aber nicht auskochen; eine geölte Oberfläche verträgt keine Dauernässe. Plastik ist hier am unkompliziertesten, weil es sich einfach feucht reinigen lässt und Feuchtigkeit nichts ausmacht. Hartgips liegt dazwischen mit einem eigenen Vorteil: Meine Steine sind feucht abwischbar und bei 60 Grad sterilisierbar, was im Kita-Alltag mit vielen Händen ein echtes Argument ist. Für zu Hause spielt das selten eine große Rolle, in einer Gruppe schon. Wer Material für eine Einrichtung sucht, sollte die Reinigbarkeit also ähnlich ernst nehmen wie das Spielpotenzial.